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Irland – ein Land voller Pferdequäler?

6. Oktober 2017

Panische Blicke.

ein Fohlen schreit. 

Ein Pferd steht schweratmend in einer Ecke – voller Panik.

Männer und Frauen mit wutverzerrtem Gesicht

Die letzten Monate meines Lebens in Irland war vieles davon Alltag. Niemals habe ich

geglaubt so etwas in einem Land zu erleben, das so hoch gelobt wird.

Welches so grün ist.

Leben in Irland nur Idioten, die ihre Pferde quälen? Haben die Menschen kein Respekt vor

ihren Tieren? 

NEIN! 

Bilder können Grausames offenbaren und trotz Allem sind sie meistens nur eine Momentaufnahme. Geht man auf ein deutsches Turnier zum Fotografieren, wird man mit mindestens 20 Fotos nach Hause kommen, auf denen Pferde mit den Augen rollen und ihre Ohren eng an den Kopf legen oder ihr Maul aufsperren. Schaut man sich das Land genauer an, weiß man, dass dies nicht dem Idealbild der Deutschen entspricht. Hier werden Tiere von den meisten Menschen geachtet und geliebt. 
Und in Irland?

Für diese Frage muss ich Etwas ausholen. 

Ein schickes Eskadron Halfter braucht hier kein Mensch

Armut ist längst nicht mehr zu übersehen

Ein wichtiger Punkt, den man beachten muss und der vieles einfach noch verschlimmert, ist das fehlende Geld. In einem Artikel  (2010) der FAZ heißt es: 

Die Dubliner Tierschutzgesellschaft hat im Laufe dieses Jahres bislang 105 herrenlose Pferde aufgelesen und in Pflege genommen – vier Mal so viele wie noch vor zwei Jahren. Ihre Geschäftsführerin Orla Aungier sagt, das erste, wovon sich Familien in finanziellen Schwierigkeiten trennten, seien meist Luxusgüter, und Pferde seien eben Luxus-Haustiere gewesen in jenen Zeiten, in denen der Rubel rollte. Jeder Tierschutzverein in Irland sammele mittlerweile Pferde auf, die von ihren Besitzern aufgegeben worden seien; oft seien es verletzte Tiere. Die Eigentümer setzten sie aus, weil sie die Kosten für den Tierarzt nicht aufbringen wollten.

Ein in Irland lebender Fotograf kehrte nach seinem Aufenthalt von Sydney zurück, um zu sehen, ob sich an den damaligen Zuständen der Pferdehaltung etwas geändert hat. Dabei stieß er meistens auf die sogenannten „Traveller“. In diesem Artikel, (2014) beschreibt er Folgendes: 

Das Reiten ohne Sattel ist ein Zeichen ihrer Härte. Das ist echt faszinierend, aber ein Großteil der Kultur geht eigentlich verloren. Viele der Jugendlichen haben keine Ahnung, was sie da machen. Sie holen sich ein Pferd, weil ihre Freunde auch eins haben. Sie leben in echt armen Gegenden, wo ein großes Drogenproblem herrscht, die Arbeitslosenquote hoch ist und die Familien oft zerrüttet sind. Dadurch geraten die Pferde manchmal in Vergessenheit.

Ein anderer Autor beschreibt Irland hier auch sehr treffend. In diesem Artikel, (2016) geht es um die Armut in den größeren Städten.

Viele Städte verfügen über regelrechte Armenviertel. Gettoähnliche Verhältnisse herrschen dort. Vororte, wo Häuser des sozialen Häuserbaus verbarrikadiert sind, wo Pferde in den Gärten und Grünflächen grasen, wo ausgebrannte Fahrzeuge am Straßenrand stehen, wo Autoreifen vor sich hin brennen. Das ist das moderne, städtische Irland.

Warten auf ein neues Zuhause.

Traveller in Irland

Natürlich hat sich auch in den letzten Jahren Einiges in Irland getan und die Regierung arbeitet daran viele Probleme aus der Welt zu schaffen. Die sogenannten Gypsy/Traveller oder auch Tinker (ist eine Beleidigung) sind jahrelang ein Problem Irlands.

Ein Mann erzählte mir, dass in Sligo Town ein ganzer Parkplatz von diesen Wohnungslosen besetzt sei. Als er dort parkte, kam einer der Männer zu ihm und riet ihm zu verschwinden, da sonst seine Spiegel nicht mehr lange am Wagen wären. Traveller werden gemieden, da sie einen mehr schlecht als rechten Ruf genießen. Selbst die Gardaí vor Ort richtet nicht viel gegen diese Menschen aus, da sie arm sind und zudem auch nicht gerade sanft mit jedem umgehen. 

Ich bin mir allerdings sicher, dass auch unter ihnen sehr liebe und nette Menschen sind, die schlicht und einfach keine andere Möglichkeit haben, als auf der Straße zu leben. Nicht jeder Traveller ist schlecht. Genauso wenig ist jeder Verbrecher männlich. 

Wie im obigen Artikel beschrieben, halten diese Menschen ihre Pferde kaum in schicken Ställen oder auf großen Weiden, wie man eventuell vermuten mag. Die Pferde stehen angepflockt dort, wo gerade Platz zum grasen ist. Ob sie regelmäßig Futter und Wasser bekommen ist fraglich. Darüber kann ich aber nichts Genaueres berichten, da ich nie längere Zeit mit diesen Menschen verbracht habe.

Viele geben auch einfach ihr Bestes mit den vorhandenen Mitteln. Da wird ein stinknormales Seil als Longe genutzt oder ein Stück Soff unter den Sattel gelegt, damit es irgendwie passt. Deutschen Standart trifft man eher weniger. Vor Allem nicht beim Händler.  

Pferd

Ein kleines Shetty, wie es sie zu hunderten auf dem Pferdemarkt gab. Ich weiß nicht, welche Funktion sie für die Iren haben. Beliebt scheinen sie ja zu sein.

Oberfläche ist nicht Alles!

Wie man auf vielen der Bilder erkennen kann: Schlecht sitzende Halfter, einfache Seile. Auf manchen Bildern kann man denken, ich befinde mich inmitten der alten Zeiten vor zig Jahren. Nur weil ein Pferd kein Eskadron Halfter trägt und vor Dreck starrt, heißt es nicht, dass es ein miserables Leben hat. Umgekehrt gilt es genauso.

Als ich auf dem Markt ankam, bin ich erstmal erschrocken, wie manche Pferde angebunden waren und generell aussahen. Aber recht schnell habe ich mir dann ins Gedächtnis gerufen, wie unwesentlich das für das Pferd ist. Es ist schlichtweg egal, welche Größe, Breite das Halfter hat, oder ob das Seil einen Panikhaken besitzt. Hier fehlt auch einfach oft das Geld für teures Equipment. 

Sehr positiv fällt mir allerdings auf:

Kaum ein Pferd geht durch oder bockt. 

Die Einreit Methoden unterscheiden sich sicher stark von denen der Deutschen. Ich saß in den letzten 12 Monaten auf über 60 verschiedenen Pferden zwischen 4 und 28 Jahren.. Bisher hatte ich kein einzigen Durchgänger dabei. Selten springt mal ein Pferd zur Seite. Früher wäre ich in vielen Situationen abgestiegen und hätte das Pferd eventuell gar nicht geritten. Hier würde mich jeder auslachen, wenn ich absteige, weil mein Pferd im Dreieck springt. 

Augen zu und durch, aber am Ende vom Tag überlebt man meistens ganz gut. Hier wird extrem viel Wert auf tägliche Bewegung gelegt, wenn die Pferde im Stall sind. Starten als Handpferd im Gelände? Gar nicht. 

Drauf und los geht´s.

Die Pferde sind hier so schnell eingeritten, so schnell konnte ich gar nicht schauen. Ich denke aber es unterscheidet sich auch hier stark von Stall zu Stall. Beim Händler wird nicht viel Zeit vergeudet, da das Pferd mit Gewinn verkauft werden soll. 

Es gibt auch die traurigen Schattenseiten. Hier ein Pferd eines Travellers

Die Wendy Welt ist schmerzlich klein

Als ich in Irland ankam und anfing mit Pferden zu arbeiten, merkte ich schnell, dass ich mich umstellen muss. Hier werden die Mähnen der Pferde selten geschnitten. Sie werden gepullt (Ziehen) Dadurch entsteht auch der fransige Look der Mähne. Es hat mich viel Überwindung und viele Stunden Überlegung gekostet zu akzeptieren, dass es hier Gang und Gäbe ist. Nicht jedes Pferd mag das ausreissen der Mähne. Die Meisten kennen es aber von klein auf und scheuen nicht. 

Lange Walle Walle Mähne? Eher nicht. Wenn ich erzähle, wie gerne viele deutschen die Mähnen ihre Pferde pflegen und flechten, ernte ich erstaunte Blicke oder ein müdes Lächeln. So etwas gibt es in Irland sehr selten. Die Mähne kommt meistens ab, egal wie toll sie wallt. Kurze Mähnen sind ein Zeichen von Gepflegtheit. Ebenso die Vollschur. 

Freiheitsdressur und Bodenarbeit ist ein Thema, welches in Irland mehr und mehr Beachtung bekommt, allerdings auch nur in sehr kleinen Teilen. Longieren sehe ich hier keinen. Trotz allem gibt es sicher Iren, die es praktizieren. Beliebt ist das Fahren am Langzügel von hinten, was ich auch schon oft beobachtet habe. 

Meine kleine Wendy Welt aus Deutschland finde ich hier eher nicht vor. Ich bin Offenstall, frisches Heu den ganzen Tag und viel Verhätscheln der Pferde gewohnt gewesen. Irland ist sehr robust, was den Umgang und die Haltung betrifft. In den meisten Teilen jedenfalls. 

Hier wollte der Reiter, der ohne Sattel und Trense auf dem Pferd saß einfach total cool wirken…eher nicht.

Pferdequälerei? Eher Unwissenheit!

Ich möchte niemanden in Schutz nehmen, der seine Pferde verprügelt, quält oder sonstiges Mist damit anstellt. Ich glaube auch nicht, dass es nur ein kleiner Teil ist, der seine Tiere falsch behandelt. Dafür habe ich selbst bei den nettesten Iren schon so viel grausames gesehen und erlebt. Es gibt hier einige Menschen, bei denen man niemals vermuten würde, dass sie so handeln würde.

Vieles was hier passiert ist in meinen Augen einfach Unwissenheit und Erziehung. Für mich anfangs unbegreiflich, aber es gibt hier sehr viele Iren, die ihre Pferde über alles lieben und trotz Allem sieht man Dinge, die man am Liebsten ausblenden möchte. 

Die Kids lernen von Klein auf mit den Erwachsenen. Auf dem Pferdemarkt habe ich unendlich viele Kinder mit Stöcken in der Hand gesehen. Kinder, die Pony´s durch die Gegend hetzten. Hierbei liegt der Fehler ganz klar schon bei den Großen. Ich habe mehrere Männer und darunter auch einen Vater angesprochen, wieso alle Stöcke in der Hand haben. Der Mann berichtete mir ganz stolz, dass sein 4-jähriger Sohn ein Pony zu Hause hat und das eben manchmal etwas frecher wird.

Auf dem Markt sind die Stöcke dazu da, sich die Pferde vom Leib zu halten, falls mal eines durchdreht. 

Auf den Jagden hauen die kleinsten meistens auch am härtesten drauf. Sie müssen sich beweisen. Zeigen, wie toll sie schon reiten können. Wenn das Pferd zickt, muss nochmal draufgehauen werden, da man sonst die Macht verliert! 

Gewöhnungsbedürftig: Statt einer Gerte werden hier gerne andere Dinge benutzt…

Normalität regt nicht zum Nachdenken an!

Was in Deutschland sofort für Entsetzen sorgt ist in diesem Land völlig normal. Und das nicht, weil die Menschen sich daran ergötzen, sondern weil sie es nicht anders kennen. Hier habe ich noch keinen Menschen gesehen, der sein Pferd 15 Min aufwärmt, bevor er trabt. Zumindest vermeiden es die Meisten auf Asphalt zu galoppieren. 

Es wird sehr viel Wert auf gut beschlagene Hufe gelegt. Zumindest in den Ställen, die ich gesehen habe. Ohne Beschlag wird nicht geritten. Auch der Freigang wird hier oft anders geregelt. Es gibt mit Sicherheit auch Ställe, in denen die Pferde gar nicht rauskommen. Aber bisher habe ich nur Ställe gesehen, in denen die Pferde Freigang hatten und das nicht zu wenig. 

Heulage und Silage ist hier das verbreitetste Futtermittel und meist leider auch verschimmelt. Jeder Ballen, den ich geöffnet habe in allen Ställen war bisher verschimmelt. Ohne Ausnahme. Ich habe immer sehr penibel darauf geachtet auszusortieren. Aber leider habe ich auch oft genug gesehen, dass einfach gefüttert wird, ohne sich auch nur einen Funken darüber Gedanken zu machen, wie schädlich das ist. Durch das feuchte Klima, leider sehr sehr oft. 

Davon sind nicht nur Iren betroffen, denn selbst Volunteers und auch eine Deutsche habe ich dabei beobachtet. Auf meinen Hinweis wird dann meistens nur mit den Schultern gezuckt und gesagt:

„Ach die machen das hier alle so!“ 

Das macht mich wütend und zeigt, wie schnell Menschen sich an so etwas gewöhnen und verrohen. Menschen, bei denen ich geglaubt habe, sie wüssten wie es besser geht. 

Aber so lange Etwas Normal ist, muss man sich ja keine Gedanken machen. 

Ich kenne übrigens 3 Menschen hier, (Deutsch+Englisch), die normales Heu füttern. Also vorhanden ist es! 

Ein weiteres umherirrendes Fohlen auf der Suche nach der Mutter

Es gibt immer zwei Seiten!

Auch, wenn es doch viel schöner ist sich vorzustellen, dass alle Pferde in ganz Irland auf grünen Wiesen stehen und immer einen atemberaubenden Blick auf die Landschaft haben, muss man wissen, dass es immer zwei Seiten gibt. Selbst Pferde auf Wiesen können verhungern. 

Und Pferde, die einen augenscheinlich voll gefressenen Bauch haben und toll aussehen, können Opfer von Misshandlung sein.

Wichtig ist es, sich immer beide Seiten anzuschauen und wenn es möglich ist, zu helfen. Irland ist ein raues, regnerisches und armes Land. Manchmal kommt man sich vor wie 500 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Aber es kann auch unheimlich atemberaubend schön, herzlich und gütig sein und einem so viel zurückgeben.

Ich habe beide Seiten kennengelernt und möchte mich auf die schlechten Seiten genauso konzentrieren, wie auf die Guten. 

Nützliche Links zu diesem Thema! 

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