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Chad – das gebrochene Pferd eines Travellers

9. Oktober 2017

Ein Blick und ich weiß sofort:
Du bleibst nicht hier! 

Ein Pferd ohne jegliches Leben.

Der Kopf hängt traurig nach unten. 

Mehrere Minuten stehen wir dort und sehen den sogenannten „Travellern“ bei ihren Rennen zu. Die asphaltierte Straße ist gerade mal drei Meter breit. 

Wie die Wilden rasen sie im schnellsten Trab, den die Pferde schaffen hintereinander her. Die Menge johlt ab und zu und hin und wieder brüllt eines der Männer ein Kommando in die Richtung der Reiter und Fahrer. Am Ende des Weges wird gedreht und wieder geht es los. Männer, Kinder und Jugendliche holen aus und peitschen die Pferde bis zur Erschöpfung.  

BENUTZT UND ABGESTELLT

In der Ecke dieser Schleuse steht ein Sulky. Ein kleiner schwarzer Wallach ist daran gespannt. Er rührt sich nicht und reagiert auf keines der Menschen, die um ihn herum stehen. Einige Male wage ich es ihn von Näherem anzuschauen und stelle schnell erschreckendes fest. 

Die Beine haben blutende Wunden, der Kopf hat Narben und weitere Wunden und das Pferd ist deutlich abgemagert und schwach. Für mich eines der schlimmsten Fälle, die um mich herum bis zum Erbrechen geprügelt werden. Schnell sind Sofia und ich uns einig.

Der muss mit!

Sofia hat angeboten den  Pferdemarkt mit mir zu besuchen, da es deutlich sicherer ist, zu zweit zu gehen als alleine. 

Pass bloß auf! Die Traveller sind nicht ungefährlich! 

Ich will gar nicht aufzählen, wie oft ich den Satz in den letzten Tag gehört habe. Von Deutschen, Engländern und Iren. Meistens begleitet von einer unmissverständlichen Handbewegung im Halsbereich. Doch das ist mir egal. Gerade das lässt mich weiter kämpfen. 

Für Seelen wie diese! 

EIN PFERD AUF DEM MARKT ZU KAUFEN IST MEISTENS KEINE LÖSUNG 

Ich selbst vertrete die Meinung, dass man woanders beginnen muss und keine Pferde nach Deutschland importieren sollte.

Aber wie kam es zu CHAD? 

Ein sehr lieber Freund von mir bot mir im Voraus seine finanzielle Hilfe an. Klar war für mich, dass ich nicht einfach ein Pferd mitnehme. Ich bingrundsätzlich gegen Rettung der Tiere auf solchen Märkten, denn damit unterstützt man diese nur weiterhin und keinem ist am Ende geholfen. Als ich die Woche davor den Markt besuchte, fiel mir ein bestimmter Traveller auf. Er schlug mit einem langen Vierkantholz auf seinen kleinen Traber ein. Es brach mir das Herz und ich musste den Platz verlassen. 

Nächtelang habe ich an dieses Pferde denken müssen und mich gefragt, wie ich fahren konnte und es dort gelassen habe. 

ISPCA – eine Enttäuschung für den Tierschutz!

Bereits im Voraus schrieb ich mit einer Bekannten aus Facebook über mögliche Hilfe, die man anbieten kann. Sie hatte mehr Ahnung im Tierschutz und wusste was zu tun ist. Ich wollte unbedingt Etwas tun und nicht nutzlos auf dem Markt herumlaufen. Eine Frau der ISPCA schrieb mit dieser Bekannten und bot an sich die Tage bei mir zu melden. Nach fünf weiteren Tagen ohne Nachricht beschloss ich nun diese Organisation vor Ort aufzusuchen. 

Nun standen wir also da und wussten, dass wir dieses Pferd dort rausholen müssen. Der erste Weg führte zum Platz der ISPCA, um abzuklären welche Möglichkeiten vorhanden sind. Ich hatte erwartet ein motiviertes Team vorzufinden, dass mit mir nun besprechen würde, wie man das Tier da rausholen konnte. 

Wir erklärten dem Team die Situation, in der sich das Pferd befand. Ich schilderte die schlechte körperliche Verfassung, sowie die Wunden des Tieres.

Keine Reaktion

Stattdessen ernteten wir misstrauische Blicke und eine ablehnende Haltung. Ich musste immer wieder Sofia als meine Zeugin herholen und Fotos zeigen, da sonst keiner sich die Mühe machte mir nun zu sagen, was gemacht werden kann. Ich war extrem verwirrt. Ernsthafte Zweifel machten sich breit, ob wir im richtigen Bereich gelandet waren. Auf dem Handy checkte ich den Namen der Tierschutzorganisation noch einmal und stellte fest, dass ich hier richtig sein musste. 

Man riet uns gleich ab, das Pferd zu kaufen, was ich auch verstand. Dann fragte sie mich immer und immer wieder, ob ich mir auch sicher sei, dass das Pferd auch leiden würde. Wir zeigten Videos, wie die Traveller auf die Pferde einprügelten und die blutenden Beine. Dann kam langsam Bewegung ins Team und sie versicherten mir zu handeln. Ich habe großes Verständnis dafür, dass die Organisation sich absichern will, aber dieses Misstrauen und die Ablehnung uns gegenüber war in dem Fall unbegründet. 

In dem Fall würde das Pferd nicht gekauft werden, sondern beschlagnahmt werden. Aus diesem Grund hielt ich es für richtig, den Leuten der ISPCA den Vortritt zu lassen. Mir ging es hier nicht darum ein Pferd zu besitzen, sondern dem Tier zu helfen. 

Die Angst vor Streit ist zu groß!

Sofia und ich gingen weitere 20 Minuten über den Pferdemarkt und versuchten die Situation zu überblicken. Die Leute der Organisation waren nicht zu übersehen, da sie Neongelbe Jacken trugen. Aber keiner davon tauchte auf. Nach 30 Minuten rief ich abermals meine Bekannte aus Facebook an und schilderte ihr die Lage. Ich war wütend. Das Pferd stand vor einem Sulky gespannt vor einem Hänger. Jemand hatte eine Decke darauf gelegt um die Wunden zu verdecken. Das Tier war durch die Decke nicht nicht zu übersehen. 

Plötzlich erschienen zwei Leute der ISPCA und schauten den Travellern bei den Rennen zu. Nicht einmal kamen sie in die Nähe des Pferdes, welches wir ihnen gezeigt haben. Die grüne Decke hatten wir ihnen schon beschrieben und das Pferd war weit und breit das einzige, welches eine trug. Aber nach zwei weiteren Minuten verschwanden sie wieder und ließen sich nicht mehr blicken. 

Am Telefon berichtete meine Bekannte mir

Die haben Angst zu handeln

Und genau das war auch meine Vermutung. 

Mehrere dutzend Männer gegen ein paar Leute einer Tierschutzorganisation, die nichtmal eine rechtliche Handhabe hätten. Sie hatten einfach keine Chance und würden nichts machen. Währenddessen beobachtet ich, wie ein anderer Traveller das Pferd kaufen wollte. Das Tier würde also weiter für Trabrennen herhalten müssen. 

PLÖTZLICH WAR ICH PFERDEBESITZER

Ich wurde nervös.

Der Freund, der mir das Geld leihen wollte, drückte mir die Scheine in die Hand und auch Sofia wurde nervöser, denn wenn ich jetzt nicht handeln würde, hatten wir keine Chance mehr. Ich gab dem Mann sein gefordertes Geld (unter 500€) und konnte es kaum erwarten, bis er den Sulky abnahm. Ich erzählte ihm, mein Freund würde Traber aufkaufen für Rennen. Ich selbst hätte keine Ahnung von Pferden. So stumpf wie möglich auftreten war das Ziel, denn sonst wären die Leute misstrauisch geworden. 

Der Mann kannte mich bereits schon, da ich ihn mehrmals gefilmt und fotografiert hatte. Ich wollte mich nicht unnötig in Schwierigkeiten bringen und erzählte ihm, ich würde die Fotos und Videos für meinen Freund machen, da er nicht mitkommen konnte. Damit war er zufrieden und ließ mich gehen, nachdem er mir stolz erzählte, dass Tier sei erst 2 Jahre alt. Ich schluckte. 

Erschreckend fand ich, wie sympathisch er sich gab. Ich war sicher, würde ich ihn in einem Pub bei einem Bier treffen und nicht wissen, welche Sachen er dort trieb: Ich würde ihn nett finden. Manche Menschen sind Meister darin sich toller zu geben als sie sind. 

Und dann kamen die Tränen

Nun standen wir da mit einem kleinen Pferd, welches ohne Leben hinter mir her stiefelte. Ich schämte mich in Grund un Boden, als ich mit dem Strick in der Hand über den Markt lief. Empörte Blicke streiften mich. Ich schaute mir das Tier noch einmal an und brach das erste Mal seit ich dort war in Tränen aus. Was mir bis dahin nicht aufgefallen war: Das Tier sah nicht älter aus als 1,5 Jahre.

Man konnte klar sehen, dass Tier war noch voll im Wachstum, und fiel unter den ganzen Fohlen um mich herum gar nicht auf. Ich konnte nicht verstehen, wie ein Mensch so etwas tun konnte. Mein Herz schmerzt bis heute noch, wenn ich daran denke. der ganze Druck fiel nun von mir ab. 

Hilfe oder Heuchelei?

Wir warteten eine Weile auf dem Markt und wurden recht schnell angesprochen von anderen Besuchern auf dem Markt. Ich berichtet über meine Enttäuschung der ISPCA und diese erzählten uns, dass ähnliche Erfahrungen gemacht werden und meistens nicht geholfen wird aus Angst vor Eskalationen. Bei den ganzen Polizisten, die immer um uns herum liefen kaum vorzustellen.

Auf einmal tauchten mehrere Leute der ISPCA auf und nahmen uns das Pferd aus der Hand. Ich wusste nicht so recht, was eigentlich los war, da standen wir schon in einem abgeschirmten Bereich in dem das Pferd Heu und Wasser bekam. Ein Tierarzt um die 80 Jahre kam und schätzte das Alter des Tieres auf vier Jahre. Ich schüttelte ungläubig den Kopf und sagte ihm, dass ich alles glaube, außer, dass dieses Tier über 2 Jahre ist.

Für einen Moment strauchelte er und war plötzlich gar nicht mehr so sicher wie alt das Pferd denn nun ist. Das Team der ISPCA schauten daraufhin recht böse, da ich das Können ihres Tierarztes anzweifelte. Beim besten Willen konnte ich nicht glauben, dass dieses Tier vier Jahre alt ist. 

Sofia wurde zur Seite genommen und ein Mann flüsterte eindringlich auf sie ein. Ich ahnte schon was los war, ließ ihn aber gewähren. Mittlerweile versuchte ich einen Stall und einen Transport zu organisieren, was nicht so einfach war, aber ich war zuversichtlich, dass wir Etwas finden würden. 

Dann wandte sich Sofia an mich und sagte mir, die ISPCA würden das Pferd mitnehmen und versorgen. Ich müsste nur mein OK geben. Ich merkte schnell, wie wieder die Wut hochkam. Man ließ mich erst im Stich um mir dann ein Pferd wegzunehmen, welches ich bezahlt habe. 

Es gibt für Alles eine Lösung!

Allerdings wusste ich auch, dass ein Pferd viel Geld kostet und nicht gerade in meine finanzielle Planung passte. Aber für ich war erstmal wichtig, dass Pferd von seinem Leid zu erlösen. Als mir der gute Freund allerdings sagte, ich solle es mitnehmen und ich müsste mir keine Sorgen um die finanzielle Seite machen, traf ich die Entscheidung das Tier selbst zu pflegen. 

Von dem Verhalten der ISPCA Leute war ich mehr als Überrumpelt und wie hatten keine Ahnung, wieso sie sich so seltsam verhielten. Das ablehnende Verhalten spürte nicht nur ich, sondern auch Sofia und der Freund, der uns begleitete. Keiner von uns verstand was hier eigentlich abging. Wir merkten alle, dass hier nicht mit offenen Karten gespielt wurde. 

Der Name kann vielleicht etwas ändern!

Das Team fragte mich nach dem Namen und ich bot an, ihn für sie herauszufinden, wenn sie dafür etwas gegen ihn unternehmen würden. Außerdem gab ich ihnen Fotos, die ich von ihm gemacht hatte. 

Sein Wagen war bereits schon weg, aber wir fragten die umliegenden Händler nach ihm und bekamen den Namen heraus. 

Urplötzlich tauchte dieser dann auch vor uns auf und fragte mich deutlich ungehalten, ob ich das Pferd an die ISPCA verkauft habe. Ich verneinte und sagte, sie würden nur den Transport für mich organisieren. Man merkte, dass er nervös war. Ein zweiter Mann neben ihn, machte mir klar, dass das Pferd eigentlich an Jemand anderen hätte verkauft werden sollen. das „German Girl“ soll es wieder abgeben hieß es.  

Ich bin mir sicher, die Polizeipräsenz hat mir einigen Ärger erspart. Ich kam noch mal heil davon. Im Bereich der Orga zurück stellte sich heraus, dass der Mann, der das Pferd vor mir kaufen wollte, es bei den Leuten der Organisation entdeckt hatte und dort entwenden wollte. Sie konnten ihn davon abhalten und gingen einem großen Streit aus dem Weg. Jetzt verstand ich auch, wieso der Bereich so abgeschirmt war. 

Viele helfende Hände retten Leben

Ein Mann der Organisation, der sich die ganze Zeit aus der ganzen Sache raushielt, bot mir an, das Pferd zu meinem Stall zu bringen. Er teilte dies auch den Mitarbeitern mit, die ihm sehr unfreundlich mitteilten, dass er das lassen soll. Ich müsste selbst schauen, wie ich heim käme. Wenn ich ihnen das Pferd überlassen würde, könnten sie allerdings einen Transport arrangieren. Er versicherte auf eigene Kosten zu fahren und eh in die Richtung zu müssen. 

Im Auto teilte er mir mit, dass er eigentlich in die entgegengesetzte Richtung musste. So fuhrt er einen dreistündigen Umweg. Ich war ihm unendlich dankbar und bezahlte ihm die Sprit für die Fahrt. Das war unheimlich selbstlos und zeigt mir, dass es auch Menschen gibt, die gerne helfen. 

Angst verhindert Hilfe für die Tiere

Ich konfrontierte den Mann auch mit der Frage, wieso nicht gehandelt wurde und er versicherte mir, dass sie helfen wollten, aber die Möglichkeiten nicht hätten. Es wäre schlichtweg viel zu gefährlich gewesen und die Polizei wollte in dem Fall nicht helfen. So waren ihnen die Hände gebunden und sie mussten das Tier eben bei dem Traveller lassen. 

Er bedankte sich bei mir und sagte, es wäre genau das Richtige gewesen, denn das Pferd wäre eines der schlimmsten Fälle der letzten Jahre. Das half mir deutlich über mein schlechtes Gewissen hinweg, denn ich wusste, dass es nicht richtig ist, den Travellern auch noch Geld zu geben, für das was sie da taten. 

Die ISPCA hatten auch 3 Husky Welpen beschlagnahmt, die sie dem Besitzer einfach aus der Hand gerissen hatten. Bei einem Pferd, welches vor einem Sulky steht, ist das nicht so einfach möglich.

Nun heißt der kleine Mann CHAD, was so viel bedeutet wie: der „Sieger der Schlacht“

Er hat eine Box und ein eigenen Paddock bekommen und wird jeden Tag behandelt und gefüttert. Die Tierärztin kommt auch noch zur Gesundheitskontrolle und berät mich in allen Fragen, die ich habe.

Nicht alle Iren sind so!

Ich möchte hier nochmal betonen, dass nicht ganz Irland so schlecht mit den Tieren umgeht. Ich würde sagen, es sind Menschen und keine Iren, denn es ist eigentlich egal welcher Kultur oder welchem Land man angehört. 

Allerdings sind die Standarts der Pferdehaltung in Irland deutlich schwächer und es gibt kaum Regelungen, wodurch nicht alle Pferde ein gutes Los im Leben ziehen. Chad war einer von ihnen. 

In meinem letzten Artikel habe ich mich gründlicher mit dem Thema auseinandergesetzt! -> 

IRLAND – EIN LAND VOLLER PFERDEQUÄLER?

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3 Comments

  • Reply Lea 9. Oktober 2017 at 23:07

    Hallo Lia,
    Puh, das ist eine furchtbare Geschichte. Für mich (und für viele andere wird es vllt ähnlich sein), wirkt es wie eine unwirkliche Geschichte aus einem Buch, weit weg und nicht real. Sicherlich liegt das daran, dass man nicht wahr haben kann/möchte wie schrecklich grausam manche Menschen sein können. Ich bewundere aber deinen Mut und deine Willenskraft zu handeln! Nicht nur, dass du dem kleinen Mann nun endlich das wundervolle Leben ermöglichst, das er verdient hat, sondern öffnest du mit deinen Worten anderen Menschen die Augen. Das ist Spitze! Vielen Dank dafür!
    Ich wünsche euch beiden bzw. euch fünfen alles Gute!
    Lea

  • Reply Sebastian 10. Oktober 2017 at 12:16

    Ein sehr beeindruckender Bericht.
    Chad und dir weiterhin alles Gute. Da kann man nur hoffen, dass die Bedingungen langsam besser werden. Berichte wie dieser hier tragen bestimmt ihren Teil dazu bei.
    LG Sebastian

  • Reply Yann Holme Nielsen 15. Oktober 2017 at 22:16

    Beeindruckend und rührend! jetzt im ernst, ich meine ich verstehe nicht warum diese „ISPCA“ sich nicht getraut hat, wenn sogar Polizei anwesend war, aber gut……
    Chad ist zwar nur eins der wenigen die gerettet werden, aber das muss nicht so bleiben!
    Unglaublich……Danke Lia, ich war selber gestern auf einer Galopprennbahn und musste die traurige Wahrheit erleben. Mehr dazu in auf der Webseite!

    lG
    Yann

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